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Symposium 2017 "Hörfrühförderung in Niedersachsen" am 30.03.2017 in der Hartwig-Claußen-Schule Hannover

Weiterentwicklung von Hörfrühförderung im Rahmen früher Rehabilitation hörgeschädigter Kinder in Niedersachsen


Am 30. März 2017 fand das Symposium zur Weiterentwicklung der Hörfrühförderung (Hör-FF) in Niedersachsen unter Beteiligung kompetenter Fachleute aus Medizin, Pädagogik, Gesundheitsvorsorge, Verwaltung und Eltern in der Hartwig-Claußen-Schule in Hannover statt. Es war als Fortsetzung einer Sitzung beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Audiologie (DGA) 2016 in Hannover organisiert worden. Damals war die Netzwerkarbeit in Niedersachsen in interdisziplinären Kontexten dargestellt worden (hier finden Sie den Bericht zu dieser Sitzung). Das Programm des Symposiums 2017 finden Sie hier .

Joachim Budke (Hartwig-Claußen-Schule) begrüßte die Gäste in seiner Schule und verwies auf die aktuellen Bestrebungen der „Hörregion Hannover", das Thema „Hören" mehr in die Öffentlichkeit zu bringen.

Werner Welp (Niedersächsisches Landesamt für Soziales, Jugend und Familie - LS) betonte in seinem Grußwort , dass eine gute Hör-FF für hörgeschädigte Klein- und Vorschulkinder die Basis für eine gelingende Inklusion hörgeschädigter Schülerinnen und Schüler sei. Dies würde auch im Prüfbericht des Landesrechnungshofes für Niedersachsen deutlich gefordert. Es sei ein entscheidender Paradigmenwechsel, nachdem Hör-FF lange als freiwillige Leistung des Landes begriffen wurde. Niedersachsen habe mit den Standorten Hannover und Oldenburg als „Auditory Valley" medizinisch und technisch weltweites Renommee, so dass nun der qualitative Ausbau der Hör-FF daran anknüpfen solle.

Dr. Thomas Wiesner (Werner-Otto-Institut Hamburg und Leiter im Fachausschuss Pädaudiologie in der DGA) eröffnete mit seinem Beitrag „Erfordernisse für die Rehabilitation hörgeschädigter Kinder aus Sicht der Pädaudiologie und Phoniatrie" die Reihe der Impulsreferate. Er forderte eine gute und intensive Hör-FF nach der Erstdiagnose einer Hörschädigung und der frühen Anpassung technischer Hörhilfen. Aus Elternsicht wurden anschaulich deren Bedürfnisse und Erwartungen dargestellt. International besteht Konsens darüber, dass für eine erfolgreiche Hör- und Sprachentwicklung hörgeschädigter Kinder neben der frühen und adäquaten Hörgeräteversorgung eine regelmäßige Hör-FF unabdingbar ist. Diese sollte durch eine hörgeschädigtenspezifische Einrichtung (z. B. einem Hörgeschädigtenzentrum) mindestens wöchentlich erfolgen unter Einbindung in ein interdisziplinäres Netzwerk mit hör-fachlich spezialisierten Fachleuten. Quintessenz: „Wir sitzen zusammen mit den Eltern und ihrem Kind in einem Boot, lasst uns gemeinsam in eine Richtung rudern, das macht mehr Spaß und ist auch erfolgreicher!"

Prof. Dr. Thomas Lenarz (Medizinische Hochschule Hannover) stellte in seinem Beitrag „Technischer Fortschritt und Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung von Kindern mit Schwerhörigkeit: Konsequenzen für die Rehabilitation" die hohen fachlichen Anforderungen an eine medizinische Versorgung dar und erörterte die daraus resultierenden Konsequenzen für die anschließenden Rehabilitationsmaßnahmen im Netzwerk der Fachleute - auch im Rahmen der qualitativ hochwertigen Hör-FF.

Annette Stasche (LS) ist für die Trägeraufgaben der Landesbildungszentren für Hörgeschädigte (LBZH) in Niedersachsen zuständig. Sie verwies in ihrem Beitrag zu den rechtlichen und statistischen Bedingungen auf die aktuell als freiwillige Leistung des Landes erbrachte Hör-FF (eigentlich eine kommunale Angelegenheit) und stellte anhand der von ihr erhobenen Daten dar, dass sich die Leistungsangebote im Flächenland Niedersachsen (mit Hör-FF, Pädagogisch-audiologischer Beratung und Multiplikatorenschulungen) aufgrund von Schwerpunktsetzungen in den LBZH unterscheiden. Sie betonte, dass das LS und die LBZH bemüht sind, mit begrenzten Ressourcen ein qualitativ gutes Angebot zu organisieren - hierzu gehören z. B. auch spezifische Qualifizierungsmaßnahmen und die Entwicklung von Qualitätsstandards.

Dr. Wilma Vorwerk (Klinikum Braunschweig) berichtete über „Erfahrungen aus der Fortbildung von FachpädagogInnen für Hör-FF in Sachsen-Anhalt". Dort wurde eine Qualifizierungsmaßnahme für Fachkäfte in der allgemeinen heilpädagogischen Frühförderung durch die Landesregierung gefördert. Trotz einiger positiver Effekte für die Verbreitung hörspezifischen Wissens in die Regionen des Flächenlandes benannte sie auch Probleme, z. B. in der Auslastung einzelner Frühförderstellen, in der interdisziplinären Vernetzung und in den Antragsverfahren. Sie plädierte deshalb für eine einheitliche Organisation der Hör-FF. Die Folien ihres Vortrags finden Sie hier .

Dr. Markus Westerheide (LBZH Osnabrück) stellte in seinem Vortrag die Hör-FF durch die LBZH in Niedersachsen in den Fokus von „Herausforderungen im Wandel der Zeit". Trotz bestehender Netzwerke verwies auch er auf die Notwendigkeit qualitativer und quantitativer Weiterentwicklungen, damit im Flächenstaat Niedersachsen die LBZH mit qualifiziertem Fachpersonal die Bedürfnisse einer heterogenen Gruppe von Kindern mit Hörverlusten mit dem Ziel weitgehender Inklusion erfüllen können. Besonders betonte er noch einmal die Bedeutung regelmäßiger hörtechnischer Kontrollen im Rahmen der pädagogischen Audiologie, zumal eine wissenschaftliche Studie der Universität Hamburg die in hohem Maße unzureichende Einstellung von Hörgeräten bei Kindern nachgewiesen hatte.

Monika Julius-Blaich (LBZH Hildesheim) konnte in Fortsetzung ihres Beitrags auf der DGA-Tagung 2016 die „Auswirkungen des Neugeborenenhörscreenings (NHS) auf Hörfrühförderung und deren Auswirkungen auf eine erfolgreiche Rehabilitation" anhand einer größeren Stichprobe belegen. Bei 306 durch die Hör-FF der LBZH erfassten Kindern ließ sich belegen, dass eine frühe Erkennung und hörtechnische Versorgung einer Hörschädigung alleine nicht ausreichen, um die Teilhabe dieser Kinder zu verbessern. Eine ganzheitliche und früh einsetzende Förderung der Kommunikationsfähigkeit und Identitätsentwicklung bei intensiver Elternmitwirkung erhöht allerdings die Chancen auf inklusive Bildungswege. Die Folien ihres Vortrags finden Sie hier .

Die anschließende Diskussion des Plenums mit dem Podium unter Moderation von Manfred Flöther (LS) und em. Prof. Dr. Frans Coninx (Institut für Audiopädagogik Solingen /Universität Köln) griff viele Inhalte aus den Impulsreferaten auf und ergänzte diese um zusätzliche Aspekte.

Bezogen auf die Zusammenhänge zwischen NHS und Hör-FF wurde das unzureichende Tracking (die Nachverfolgung auffälliger Ergebnisse) nach dem NHS in Niedersachsen angesprochen. Hierdurch kommt es auch zu verzögerten Übergängen in die Hör-FF. Positive Beispiele guter Kooperation wurden für Hamburg und die Region Oldenburg berichtet: Dr. Wiesner und Christiane Garvs (Elbschule) bestätigten eine wöchentliche Hör-FF im Stadtstaat Hamburg, die eine Woche nach der Diagnose aufgenommen wird. Für die Region Oldenburg berichtete Dr. Andreas Becker (Ev. Krankenhaus Oldenburg) von der direkten Einbindung fachpädagogischer Mitarbeiter/innen des LBZH bei der stationären klinischen Erstanpassung von Hörgeräten.

Breit diskutiert wurde das Thema der Schulungen von Multiplikatoren. Punktuelle Fortbildungen von Fachkräften brächten qualitativ keine langfristigen Effekte: Es werden keine nachhaltigen Erfahrungen gesammelt, z. B. in HNO-Arztpraxen oder Akustikerfirmen, die nur 2 Kinder im Jahr sehen (Dr. Wiesner). Auch in der allgemeinen FF fehlt das notwendige spezielle Wissen zum Hör- und Spracherwerb bei Kindern mit Hörverlusten. Wichtig sei ein fortlaufender Kompetenztransfer, wie er beispielhaft in der Region Aurich organisiert ist. Der dortige Sprachheilkindergarten mit Hörgeschädigtengruppe wird seit Jahren i. R. einer vertraglichen Kooperation durch eine Hörgeschädigtenpädagogin des LBZH Oldenburg betreut. Auf dieser Basis findet eine audiopädagogisch fundierte Arbeit in der Hörgeschädigtengruppe statt, aber auch ein ambulante Hör-FF durch die Fachkräfte der Einrichtung.

Anja Jung (Hörknirpse e. V.) forderte aus Elternsicht engagiert die Umsetzung des Rechts auf eine kompetente Hör-FF gem. UN-Menschenrechtskonvention. Sie charakterisierte die Informationen über Hör-FF in Kliniken als mangelhaft, plädierte aber auch für die geforderte qualitativ hochwertige Beratung und Betreuung durch interdisziplinäre Teams.

Insgesamt bestand Einigkeit darüber, dass die derzeitige Leistungserbringung (freiwillige Leistung der LBZH, z. T. ergänzt durch - oft nicht koordinierte - ambulante heilpädagogische oder therapeutische Hilfen auf kommunaler Ebene) nicht ausreichend ist für eine angemessene Hör-FF. Engagiert wurde diskutiert, ob eine Verbesserung durch Nutzung personeller Ressourcen auf kommunaler Ebene erfolgen sollte oder die freiwillige Leistung des Landes zu intensivieren sei. Dabei spielten auch berufsbezogene Kritikpunkte eine Rolle: Sind Lehrkräfte die geeigneten Personen für eine Hör-FF bei Kleinstkindern - oder eher Erziehungspersonal mit vorschulischer Ausrichtung? Kommen Lehrkräfte auch während der Schulferien? Können logopädische Fachleute ohne audiologische Kompetenzen effektiv in der Hör-FF arbeiten?

Die insgesamt konstruktiv geführte Diskussion machte deutlich, dass eine auf den Einzelfall bezogene Hilfeplanung immer inter- oder transdisziplinär zu organisieren ist. Fachlichkeit zu gewährleisten erfordert ein multiprofessionelles Miteinander, in einem Flächenstaat wie Niedersachsen zudem auch gute Vernetzung von spezialisierten überregionalen Einrichtungen mit den Kooperationspartnern vor Ort. Zur Qualitätssicherung und -steigerung sind die eingeführten Maßnahmen (Standardisierung etc.) weiter zu entwickeln. Auf dieser Basis werden auch die Leistungs- bzw. Kostenträger zu einer Finanzierung wirksamer Maßnahmen bereit sein. In diesem Zusammenhang wurde wiederholt betont (was auch der Landesrechnungshof Niedersachsen gefordert hat), dass die Hör-FF ein wichtiger Baustein für gelingende Inklusion ist.

Die aktive Teilnahme von Mitgliedern der Verwaltung (Ministerium, LS, Krankenkassen) spricht dafür, dass sich auch die Leistungsträger dieses Auftrags bewusst sind. Seitens des Sozialministeriums gab es die Botschaft, im Rahmen der eingeleiteten Zukunftsoffensive Akteure aus dem Symposium zu Gesprächen einzuladen. Die ersten und nächsten Schritte auf den Weg zur Verbesserung der Hör-FF sind im Rahmen des Symposiums diskutiert worden:

  • Ressourcenorientierung hinterfragen, hohe Fachlichkeit sichern
  • Eltern einbinden
  • Finanzierungen prüfen, ggf. neue Lösungen suchen
  • Inter- bzw. transdisziplinäre Netzwerke und Teams bilden und weiter entwickeln
  • Gezielte Weiterqualifizierung hörgeschädigtenpädagogischer Lehrkräfte in Richtung frühkindliche Entwicklung, Elternberatung, Interdisziplinarität
  • Fortbildung von heil- oder sozialpädagogischer Fachleute in audiopädagogischen Themenfeldern

Insgesamt kann das Symposium nur als ein erster gemeinsamer Schritt in diesem Prozess gewertet werden. Dennoch hat ein konstruktiver, lösungsorientierter Austausch aller Gäste ein gutes Fundament für den Auf- und Ausbau einer verbesserten Hör-Frühförderung geschaffen. Vielleicht wird ja beim nächsten Treffen ein Ruderboot gemäß der Vision von Dr. Wiesner professionell besetzt - interdisziplinär, landesweit und wieder mit Eltern und Kostenträgern?

Eindrücke vom Symposium "Hör-FF in Niedersachsen" 2017

 
Die Anmeldung: die Ärztekammer hatte die Veranstaltung mit 4 Fortbildungspunkten anerkannt.
 
Thomas Oberauer (LS), Dr. Thomas Wiesner (Werner-Otto-Institut Hamburg) und Joachim Walter (LS) stimmen sich auf das Symposium ein.
 
Die Aula in der Hartwig-Claußen-Schule füllt sich.
 
Joachim Budke begrüßt als Rektor der Hartwig-Claußen-Schule die Gäste.
 
Werner Welp (Landessozialamt) betont in seinem Grußwort die Bedeutung der Hör-FF im Kontext der Inklusion und plädiert für deren qualitativen Ausbau in Niedersachsen mit seinem weltweit bekannten "Auditory Valley".
 
Dr. Thomas Wiesner (Werner-Otto-Institut Hamburg) setzt mit seinem engagierten Eröffnungsvortrag einen deutlichen Akzent für das Symposium: Qualität und Quantität muss in der Hör-FF stimmen!
 
Prof. Dr. Thomas Lenarz (Medizinische Hochschule Hannover) stellt in seinem Impulsreferat die Anforderungen der Hör-FF in den Kontext medizinischen und technischen Fortschritts.
 
Annette Stasche (LS) stellt auf der Basis der rechtlichen Voraussetzungen den statistischen Ist-Stand in Niedersachsen dar, auf dessen Basis sie eine qualitative und quantitative Weiterentwicklung plant.
 
Manfred Flöther (LS) moderiert das Symposium gemeinsam mit Prof. Dr. Coninx.
 
Dr. Wilma Vorwerk (Klinikum Braunschweig) berichtet differenziert über Erfahrungen aus einer hörspezifischen Qualifizierung in der heilpädagogischen Frühförderung.
 
Dr. Markus Westerheide (LBZH Osnabrück) stellt die Anforderungen an eine qualitativ hochwertige Hör-FF im interdiziplinären Netzwerk dar.
 
Monika Julius-Blaich (LBZH Hildesheim) kann mit einem erweiterten Datensatz belegen, wie wichtig eine frühe Erfassung und Erfassung von Hörschädigungen für einen inklusiven Prozess der Kinder ist.
 
Annette Stasche (LS) tauscht sich mit Vertretern der AOK Niedersachsen über die Referate aus.
 
Dr. Walter Götte (Oldenburg) und Dipl.-med. Astrid Gäde (Wilhelmshaven) vertreten mit anderen Kolleginnen die kinder- und jugendärztlichen Dienste aus ganz Niedersachsen.
 
Schon in der Pause kommen die Gäste in angeregte Diskussionen zu den Impulsreferaten.
 
Em. Prof. Dr. Frans Coninx (Institut für Audiopädagogik / Universität Köln) stellt als Moderator auch kritische Fragen zu den Voraussetzungen in der Ausbildung für Fachkräfte in der Hör-FF.
 
Nach der Pause diskutiert das Podium mit den Gästen im Plenum über die Impulsreferate.
 
Dr. Rüdiger Schönfeld (Ev. Krankenhaus Oldenburg) fordert für Niedersachsen ein verbessertes "Tracking" (Nachverfolgen auffälliger Ergebnisse) nach dem Neugeborenenhörscreening als Basis einer guten Hör-FF.
 
Susanne Winter-Hustedt (AWO-Sprachheilkindergarten Aurich) und Bettina Rink-Ludwig (LBZH Oldenburg) freuen sich über eine seit Jahren gelingende Zusammenarbeit mit Kompetenztransfer.
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